Ursula Schultz-Spenner
Auszüge aus einer Rede anlässlich der Ausstellung „Gezeitenland“ 2011

Ursula Schultz-Spenner begeistert sich für bunte, phantasievoll gestaltete Drachen, die in den blauen Himmel aufsteigen, dort ihre Kreise ziehen und in die Grenzenlosigkeit des Äthers vermitteln. Die an einer Kette befestigte Boje im Wattenmeer hingegen ist von einer eigenartig anmutenden, informellen Spur umgeben. Sie bildet dennoch mit der bereits erwähnten Kette eine zusammenhängende bildnerische Form, deren Zentrum ein auf Pfählen errichtetes Gebäude sowie eine winzig kleine Figur am Horizont bilden. Angestammte Proportionen erscheinen auf diese Weise aufgehoben. Der Betrachter ist nicht länger in der Lage, die tatsächlichen Größenverhältnisse bzw. die reale Weite zwischen den Objekten zu bestimmen. Gleiches gilt im Grunde auch für das Bild „Strandfund“, auf dem eine eigenartige, tierähnliche Form zu sehen ist, obwohl der Blick auf das Geschehen nunmehr aus der Nahperspektive erfolgt und das Bild demzufolge im Formalen einen gänzlich anderen Duktus ausbildet.

Ursula Schultz-Spenner offensichtlich fasziniert, ist der Blick auf ein Geschehen oder eine Konstellation, die der Betrachter sozusagen von außen nicht vorhersehen oder begrifflich besetzen kann. Stets gibt es da etwas Selbstreflexives, das letztendlich entweder durch die Kräfte der Natur oder aber durch andere, nicht unmittelbar einsehbare Bedingungen hervorgerufen wurde. Die durch ablaufendes Wasser entstandenen Bodenriffelungen im Wattenmeer beispielsweise bedingen über die Breite des Bildfeldes hinweg zwar gleichmäßige, in den Details jedoch gänzlich unregelmäßige Strukturen. Diese verlieren sich im Übrigen im blauen Dunst des Horizonts, was letztendlich den Blick auf die vorgefundene Realität in einem nicht eben geringen Maße zu intensivieren vermag .

Ein bizarr wirkender, tierähnlicher Strandfund sowie einzelne, verstreute Spuren setzen Akzente in eigenwillig geformter Umgebung. Deichwege führen in die Tiefe eines Landschaftsraumes, der von der Horizontlinie kaum gehalten, geschweige denn kompositorisch austariert werden kann. Stets aufs Neue ein Ambiente, das dem Betrachter Orientierung abverlangt, da die überkommenen Ordnungsmuster ausgespart werden. Die Erfahrung von Form bestimmt das Interesse der Malerin. Es ist die Begegnung mit der oft kargen norddeutschen Landschaft, die ein abstrahiertes, jedoch nachhaltig wirkendes Seherlebnis bedingt. Wenige bildnerische Momente erzeugen ein strukturales Gefüge, das auf prinzipieller Eigenwertigkeit beharrt und dessen Abbildlichkeit sich erst auf den zweiten Blick erschließt. Dieses gilt es bildnerisch zu verstetigen, wobei sich Ursula Schultz-Spenner einer geschichteten Maltechnik bedient, die Detailbeobachtungen in den übergeordneten Kontext des Bildfeldes stellt. Strukturen bedingen eine partielle Tiefe, die, jenseits des Abbildlichen, die Erfahrung des originären Naturraumes noch einmal prozesshaft und unverstellt vor den Augen des Betrachters entstehen lässt.


Uwe Haupenthal
Leiter des Museumsverbundes Nordfriesland