Ursula Schultz-Spenner
Rede Prof. Gero Flurschütz anlässlich der Ausstellungseröffnung Bilderlandschaft Landschaftsbilder 2009

Wer seine künstlerische Arbeit publiziert, sollte auf ein Publikum hoffen, das nicht auf veröffentlichte Einordnungen und Einschätzungen wartet und sich verlässt, um diese Hilfe suchend mangels gültiger Qualitätsmerkmale der zeitgenössischen Kunst anzuwenden und als Schablone auf das Gezeigte zu legen, sondern auf ein Publikum, das eigenem Augen-Eindruck und seinem subjektiven Empfinden folgt und fragt, ob persönlich geprägte Bilder zu sehen sind.

Das Persönliche ist das Originelle; Person heißt Eigenart. Mitläufer und Mitmacher sind ebenso im Künstlerischen wie in anderen Bereichen schwache Charaktere.

Wer ein halbes Jahrhundert lang die „Kunstszene“ teils miterlebt, teils distanziert beobachtet hat, kennt die ständig wechselnden Versuche, das „Zeitgemäße“, das „Moderne“, den „Zeitgeist“ zu definieren und dementsprechend künstlerische Tätigkeit zu bewerten und einzuordnen.

Ich finde diese Ordnungsversuche irrelevant. Mich interessiert die individuelle Verarbeitung des Erlebten, die persönliche Äußerung und, wie eine Person zu dem von ihr Geschaffenen passt.

Bei Ursula Schultz-Spenner finde ich eine solche Kongruenz, und zwar im Laufe der vergangenen Jahre intensiver Arbeit mit fortschreitender Professionalität, wozu die Entwicklung vorantreibender professioneller Reflexion, Selbstkritik und Skepsis gehört.

Ihr eigen ist klare, vollständig geordnete, der Freude am visuellen Erlebnis entsprechende Formulierung. Sie baut ihre Kompositionen sorgfältig, planmäßig in Schichten auf; Flüchtiges ist ihr fremd. Ihre Malerei beruht auf handwerklich-technischer Solidität bis Perfektion.

In Ursula Schultz-Spenners Arbeit finde ich meine Maxime „Das Sichtbare ist das Phantastische“ bestätigt: In ihrer Umgebung – ob nun hier auf Eiderstedt oder in Hamburg an der Elbe – sucht und findet sie ständig neue Anregungen und unverbrauchte Bildmotive. „Motiv“ ist ja Beweggrund, Antrieb. Das visuell Erlebte setzt sie, ihrem subjektiven Empfinden entsprechend, nach klassischen Prinzipien der Komposition in die Fläche um. Bei Ursula Schultz-Spenner sehen wir insbesondere in ihren im Atelier gemalten Gouache- und Acrylkompositionen – Bildgestaltung.

Je weniger sie primär um des Wiedererkennungseffektes bestimmter Landschaftsausschnitte willen arbeitet, sondern um eine Bildidee zu realisieren, desto mehr findet sie durch ihre Arbeit zu sich selbst und gibt sich zu erkennen. Je konsequenter sie sich auf sich selbst einlässt, desto stärker werden ihre Bilder, bietet sie den Betrachtern ihrer Bilder Neues, Eigenartiges, Bereicherndes.

Gedankliche Klärung ist der subjektive Gewinn der Malerin, die – innerhalb einer Bildkonzeption – die farbigen Elemente Punkt, Strich, Linie und Fläche einsetzt in einem farbigen, dem atmosphärischen Erlebnis entsprechenden Zusammenhang. Rhythmische Bewegtheit bei der Streuung und Gruppierung der malerisch-zeichnerischen Elemente sowie kompositorisches Kalkül halten sich die Waage.

Für das Gesagte nehme ich als Beispiel das große extreme Breitformat „Winterschilf“. Dieses Gouache-Bild – ebenso wie insbesondere die Acryl-Gouache-„Jenischpark“-Version - ist ein Beispiel dafür, dass es sich bei Ursula Schultz-Spenner lohnt, nach dem Gesamteindruck in gehörigem Abstand sich der Bildfläche zu nähern und die zahlreichen vielschichtig gesetzten farbigen Feinstrukturen zu erkennen: z. B. ocker-orangene Punkte oder weiße bis hellgraue gebogene Striche zu vielen Valeurs, abstrahierend dem realen Motiv entsprechend.

Wenn die Malerin innerhalb eines Bildes die Techniken wechselt, dann geschieht dies, um im Wechsel von gröberen Farbpigmenten und zäherem Bindemittel des Acryl mit den feineren farbintensiven Pigmenten der Gouache oder der Faserstifte Spannung zu erreichen zwischen großflächigem Farbklang und winzigen Details: also nicht um eines allgemeinen malerischen Effektes willen, sondern, um der Sache, dem Motiv zu entsprechen sowie ihrer Vorstellung vom guten Bild.

Ein Vergleich ihrer Bilder zu ähnlichen Motiven macht deutlich, dass Ursula Schultz-Spenner Wetter, Klima, Jahreszeit besonders in der offenen Eiderstedter Küstenlandschaft sinnlich erlebt und in adäquaten Bildformaten vermittelt. Sie kennt ihre Motive, kennt das für ihre Bilder passende Licht der Tages- und der Jahreszeiten.

Wie motivierend und bereichernd der suchende Blick, die konzentrierte Beobachtung der näheren Umgebung sein können, zeigen besonders die Bilder, in denen sie im engsten Landschaftsausschnitt Spiegelungen in Prielen und in Wattpfützen, Trampelspuren der Schafe im Deichgras oder vertrockneten und ausgeblichenen Seetang, Spuren des Winters im gleißend hellen Watt, nach genauer Beobachtung zum Bild macht.

In den Bildern „Strandflora“, „Westerhever Deich“, „Neumühlen“ beispielsweise sehen wir Stillleben in der Landschaft. Ungewöhnliche Landschaftsmotive führen bei konzentrierter Beobachtung zu Verfremdungen, zu Bildern, die aufmerksame Betrachter zu Fragen provozieren. Ich sagte schon: „Das Sichtbare ist das Phantastische“. Nebenbei: Um diesen Satz zu prüfen, empfehle ich z. B., die Spur der genauen Beobachtung eines Straußes gekräuselter Petersilie mit Linie und Strich zeichnend zu verfolgen: Man verirrt sich in einem Urwald.

Intelligent und sensibel hat Ursula Schultz-Spenner das animierende Motiv der Drachen über Strand und Watt verarbeitet. Im Diptychon „Wolkenspiele“ hat sie das eine Landschaftsmotiv horizontal in zwei Teile zertrennt und in zwei in sich geschlossenen Kompositionen durch Farbklang und dezente formale Hinweise in den Spiegelungen strikt auf einander bezogen. Unten die Ruhe, parallele horizontale Streifen, asymmetrischer Akzent in den beiden kleinen dunklen Figuren am rechten Bildrand. Oben die Bewegung, locker verteilte starkfarbige, zueinander bewegte, hart begrenzte kleine Sichelformen im Umfeld zarter ziehender Wolkenformen. Eine gut kalkulierte Komposition, unkonventionell die Aussparung des Mittelteils, des Horizontes, ein Mitdenken, Mitsehen der Betrachter herausfordernd.

In der Zusammensicht ihrer Bilder in dieser Ausstellung und im Vergleich zu früheren Ausstellungen ist festzustellen: Ursula Schultz-Spenner ist in Bewegung, verharrt nicht in erprobten und gelungenen Bildformen. Sie hat sich weiterentwickelt von vorsichtigen, konventionellen Bildkonzepten zu solchen, die überraschend, eigenwillig, eigenartig, dabei nicht effekthascherisch willkürlich, sondern auf die Motive, auf die Bildinhalte bezogen sind. Inhalt und Form entsprechen einander.

Ich beschränke mich bei der Beschreibung pars pro toto auf einige besonders kennzeichnende Beispiele, möchte noch darauf hinweisen, dass Ursula Schultz-Spenner vor ihren Kompositionen direkt vor den Motiven aquarellierend und zeichnend skizziert. Die sehenswerten, großzügig die Motive malerisch notierenden Aquarelle lassen sich hier nicht ausstellen, weil sonst die Skizzenbücher auseinander geschnitten werden müssten.

Ich wünsche Ursula Schultz-Spenner, weiterhin in konzentrierter, stiller Arbeit fortzufahren, in Bewegung zu bleiben und uns neugierig zu machen.