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Rede Georg Panskus für Ursula Schultz-Spenner am 8. Mai 2022 im Kunsthaus St. Peter-Ording zur Ausstellung „BLAU“

Liebe Gäste!

Die Kunstsammlung zeigt in ihrer zehnten Ausstellung bevorzugte Bildmotive von Ursula Schultz-Spenner. Es sind ungewöhnliche Ausschnitte der Eiderstedter Küstenlandschaft, Spiegelungen in Priel und Sandwatt, Momentaufnahmen festgehalten mit verschiedenen Maltechniken. Daneben sind von sieben weiteren Künstlern unserer Sammlung beispielhaft Bilder zu sehen, die das Thema der Ausstellung „Blau“ aufgreifen. Schon immer haben Menschen die Symbolik der Farben genutzt. Blau steht für Weite und Tiefe, für Ausgeglichenheit und Vertrauen.

Frau Schultz-Spenner fragte mich, warum ich für die Vorstellungsplakate gerade ihr Selbstbildnis ausgesucht hätte, das sie nachdenklich und konzentriert zeige. Darauf erwiderte ich, dass ihre Bilder genau dieses widerspiegeln: Keine rein realistische Malweise, kein Sammelsurium von Eindrücken, es ist die Konzentration auf den Bildausschnitt aus ihrem Blickwinkel, die Wahrnehmung der Körperlichkeit der Dinge, der Landschaft. So stellt ihr Selbstportrait nicht, wie oft üblich, eine dem Betrachter zugewandte Frau dar, sondern sie scheint versunken in ihren Schaffensprozess zu sein, über den sie immer und immer wieder nachdenkt und zu einem guten Abschluss führen will.

So scheint mir ihre jetzige Malweise, die Öl-Monotypie, eine für die eben beschriebene Seite der Künstlerin passende zu sein. Die Dichte, die Raum einnehmenden Objekte und die über die Realität hinausgehenden Lichtspiegelungen / Gedankenspiegelungen zwingen den Betrachter auch vom Ganzen zum Detail und wieder zum Ganzen zu gehen und so den Eindruck zu haben, als könne man das Bild verstehen, ergründen es lange Zeit um sich haben und sich dabei wohl fühlen. Hier in der Galerie als auch in der Kunstsammlung können sie die Bilder von Nahem und von Weitem betrachten, sie dürfen sich Zeit lassen, denn Bilder wollen nicht nur als Abbildungen zweidimensional gesehen, sondern auch in ihrer Körperlichkeit, in ihrer Tiefe erfahren werden. Bei den Bildern von Frau Schultz-Spenner scheinen die Glanzlichter auf den Wellenspritzern uns entgegenzuspringen, die Spiegelungen uns zurücktreten lassen, um sie besser einordnen zu können, die schwere Dichte der Reethalme die darunter befindliche Feuchtigkeit erahnen lassen.

Dass ihre Bilder uns anrühren, kommt sicherlich auch daher, dass ein typischer Landschaftsausschnitt, ein exemplarischer Moment des Geschehens – Drachen – Sandsturm – leichte, spiegelnde Wellen – aufschäumende Gischt am Felsen – für das Ganze herhält. Aus der Erfahrung wissen wir, dass der Mensch stets versucht, sich aus Teilen ein Ganzes zusammen zu setzen, ein Teil als ein Teil eines besonderen Ganzen erkennen will. Und unsere Erinnerungen erkennen die Motive mit denen wir Gefühle, Situationen, Begebenheiten, Erfahrungen verbinden, wieder. Waren sie positiv, werden wir auch das Bild positiv bewerten.

Die kühlere Farbe Blau spielt dabei eine bedeutende Rolle. Sie ist ja nicht nur die Farbe des Himmels und des Wassers. Blau wirkt frisch, beruhigend und entspannend, wirkt sich sogar positiv auf Herzfrequenz und Blutdruck aus, wirkt schmerzlindernd. Blau steht für Vertrauen, Produktivität und Sympathie. Natürlich kommt es auf die Farbnuancen, die Farbintensität und die Farbumgebung an. Gekonnt im Bild eingesetzt kann sie Freundlichkeit, Sanftmütigkeit, Sensibilität ausdrücken: zum Beispiel beim Bild der blau ummantelten Madonna, beim Blick auf den ruhigen See, beim Blick auf die bunten Drachen in unserem klaren, blauen Nordseehimmel.

Die Farbpsychologie spielt nicht nur bei Bildern, sondern auch im Alltag eine Rolle. Die Wahl unserer Farben, Kleidung, Auto, Haus, Bewerbungsunterlagen usw. haben einen großen Einfluss darauf, wie wir von anderen wahrgenommen werden (wollen). Farben subtil einsetzen ist eben eine Kunst. Diese Kunst beherrschen auch die anderen Künstler, deren Bilder wir ihnen zeigen.

[…]

Als ein Beispiel habe ich den Flyer zur hiesigen 10. Ausstellung gewählt. Schauen Sie sich den genau an. Welche Hintergrundfarben entdecken Sie? Sie werden staunen, wie oft gerade Mode- oder Werbeschriften, -zeitschriften solche dezenten Hintergrundfarben verwenden. Zurück zu unseren wunderschönen, kreativen Bildern!

Hier das dunklere Blau des Himmels beim „Sandsturm“, dort das lichte Himmelsblau über Strand und Watt. Entdecken Sie die Bilder, bei denen Sie zwei- oder dreimal hinschauen müssen, wollen und zu denen Sie später noch einmal zurückgehen, weil sie ihnen irgendwie gefallen. Wenn Sie Glück haben, entdecken Sie, warum Sie so reagieren. Sie müssen es nicht benennen, es darf auch nur ein Gefühl sein: Das gefällt mir! Das passt zu mir!

Zum Schluss muss ich noch meinen Geheimtipp loswerden. Wenn Sie um diese Wände herumgehen, halten sie einen Moment inne und lassen die dort aufgehängten Bilder, Portraits, auf sich wirken. Schon die Anordnung, die Frau Schultz-Spenner vorgenommen hat, ist bemerkenswert, dann die Motive und darüber hinaus die mit großer Malkunst eingefangenen Stimmungen und Gefühle ihrer Portraitierten.

Als meine Frau und ich die Bilder von Frau Schultz-Spenner sahen, sagten wir uns, dass auch Sie diese Bilder sehen sollten.

Deshalb freuen wir uns, dass Frau Schultz-Spenner sich bereit erklärte, ihre Bilder als Leihgaben zur Ausstellung beizusteuern, um so eine Werkschau zu ermöglichen.
Das Bild, das unser Plakat schmückt, werden wir auf jeden Fall für die Kunstsammlung erwerben. Für mich ist es das Erkennungsbild für einen neuen Schaffensabschnitt unserer Künstlerin, an dem sie uns teilhaben lässt.

Wir wünschen ihr viel Erfolg und Freude an ihren Werken!

Ursula und Georg Panskus, 8. Mai 2022

Rede Dr. Maike Bruhns für Ursula Schultz-Spenner am 27. Mai 2016 im Malteser Hospiz-Zentrum Volksdorf

M.s.g.D.u.H., liebe Kunstfreunde:

Mit Freude stelle ich Ihnen heute Bilder von USS vor. Sie nehmen schon auf den ersten Blick für sich ein, sind überwiegend farbstark, wirken lebendig, üben Anziehung, fordern geradezu auf, näher heranzutreten, sie zu betrachten und über sie zu nachzusinnen. Dabei erfährt man einiges über die Künstlerin und macht sich Gedanken über ihre Vorgehensweise, was auch der von mir bevorzugten Art der Kunstinterpretation entspricht.

USS kam auf einem Weg zur Kunst, den junge Künstlerinnen vor ihr, z.B. die 1880-1900 Geborenen freikämpfen mussten. Ich habe gerade einen Aufsatz über die Biographien von Anita Rée, Dorothea Maetzel-Johannsen und Elfriede Lohse-Wächtler geschrieben, die, ihrer Berufung zur Kunst sicher, die Ausbildung, Laufbahn einer freien Künstlerin und Karriere in einer Männer- dominierten Kunstszene durchsetzen mussten. USSs hatte es da schon leichter. Doch ihr traditionell gesinnter Vater meinte, sie heirate ja doch, eine freikünstlerische Ausbildung sei darum überflüssig. So setzte sie durch, „angewandte Kunst“ lernen zu dürfen. D.h. ab 1962 studierte sie an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg zunächst bei Wilhelm M. Busch, Siegfried Oelke und Gero Flurschütz Illustration und Werbegrafik. Bis 1992 war sie als freiberufliche Grafikdesignerin tätig. Dann wagte sie den Übergang zur freien Kunst und begann ein Studium im Atelier der Akademie Leonardo bei Gerd Krenckel. Gemeinsame Malreisen in die Toskana, nach Sizilien, Andalusien, Griechenland, Potsdam, nach Indien, SW Afrika und den Scilly Islands boten künstlerisch Anregungen, weiteten den Horizont auf Unbekanntes. 2007 wurde sie Mitglied der Künstlergruppe „Kunstklima“ auf Eiderstedt.

Nun einige Angaben über das, was den Besucher einer Kunstausstellung neben dem Weg zur Kunst interessiert: Ihr Arbeitsfeld wurde – neben wenigen Porträts (dabei qualitätvolle Selbstbildnisse) – der Raum unserer Lebenswelt: in Hamburg der Jenischpark, Parkbilder und Bilder von der Elbe. Seit den achtziger Jahren arbeitet sie in Nordfriesland: Land und Wasser, Meer, Watt, Priele, Deiche, die alten Bräuche wie Biikebrennen, Drachenfeste am Strand, Objekte, die das Meer hinterlässt (Strandfund). In jüngster Zeit Themen vom Hamburger Dom, Hafencity und Speicherstadt.

Was die Arbeitsmaterialien angeht, verläuft ihr Weg von Aquarell und Gouache, über Kaseintempera, Acryl, gelegentlich Öl oder kombiniert mit anderen Techniken, „mixed media“, bis hin zur hart erkämpften Ölmonotypie. Ausstellungen hatte sie in Hamburg, z.B. im Hotel Elysee, in Kiel, Husum, Eiderstedt, im Alten Rathaus Garding, in der Strandkorbhalle St. Peter. Kürzlich wieder in der Hamburger Hafencity.

Zunächst begann USS mit konventioneller Malerei und üblichen Themen. Aber ihre Hamburg-Bilder zeigen keine Dampfer, keine Stadtansichten, sondern Wasser und Licht. So liegen z.B. die Arbeitsschiffe im Traditionsschiffhafen (Övelgönne, 2004, Neumühlen), still hinter Duckdalben, ihre Rümpfe spiegeln sich im leicht bewegten Elbwasser. Schnell versteht der Betrachter, dass es nicht das Postkartenmotiv der malerischen Schiffe ist, das die Malerin interessiert, sondern die Spiegelung ihrer Bootskörper im Wasser. Bewegtes Wasser, Lichtreflexe auf ihm, bilden gegen die statisch aufragenden Duckdalben einen spannenden Kontrast. Man versteht ihre Intention besser bei der Betrachtung der Gouache Elbwasser, 2005: hier befindet sich links unten ein Stück dunkler Strand, darüber wellig bewegtes Elbwasser und ein unsichtbares Objekt, vermutlich ein Duckdalben, der eine dunkle Spiegelung von der Mitte oben herunterschickt – wieder ein bewusst gewählter Ausschnitt eines hier nicht erkennbaren Orts, bei dem der Schwerpunkt auf dem leicht welligen Wasser liebt. Wunderbare Farbpartien in Blau, Braun wechseln mit hellen Glanzlichtern und einem dunkelblaubraunem Strand.

Anfangs übte sich USS in Aquarelltechnik und Gouache, bald in Temperamalerei, in der schwierigen Kaseintempera, später auch in der Malerei mit schnell trocknenden Acrylfarben. Beeindruckend in dieser Serie das Bild Neumühlen III von 2006, in das der untere Teil eines Duckdalbens von oben hereinragt, leicht aus der Mitte versetzt. Um ihn kreiselt das Tidewasser. Der Dalben spiegelt sich in einer ausufernden dunklen Form im unteren Teil des Bildes. Abendlicht fällt auf die Wasserfläche in hellen Gelbtönen, lässt den Pfahl im Gegenlicht in blauvioletten Tönen kontrastieren, hellt das gluckernde Wasser in vielen ovalen, weichen Formen auf. Farblich wie formal liegt hier ein radikales, gelungenes Bild in Acryl und Öl auf Holz vor.

(Das Motiv, Duckdalben und Wasser, nimmt sie 8 Jahre später noch einmal auf, in zwei Öl-Monotypien, Sommer oder summertime, 2014. Jetzt ist die Wirkung ganz anders, das Motiv ganz in flirrend aufgelöste Licht- und Schattenzonen und Übergange getaucht, herausgearbeitet in tausenden kleinteiligen Partien mit vielfarbigen Blitzlichtpunkten und violetten Schattenzonen. Denkt man an die Pointillisten und ihre mühevolle, langwierige Tüpfelei, Seurat und Signac in Südfrankreich, Ivo Hauptmann in Hamburg, erkennt man die Modernität der Monotypie und ihrer Möglichkeiten, – obgleich auch die Monotypie ein zeitaufwendiges Verfahren ist. Darüber später noch mehr.

USS kombiniert gern mit zeichnerisch differenzierten Gründen, Mischtechnik oder mixed media, wie es heute genannt wird. Das schöne große Bild Bougainville, entstand 2006 nach einem Arbeitsaufenthalt auf Sizilien. Es zeigt einen Mauerteil, der von der dornig rankenden Pflanze bewachsen ist. Sie breitet sich aus, wie die angeknoteten Schnüre erkennen lassen. Die Verästelungen, Vernetzungen und Verflechtungen sind an dem Schnur-Spalier zu verfolgen. Bewundernswert ist die Akkuratesse der Erfassung. Die Stofflichkeit der gespannten Schnüre ist zu erkennen, Räumlichkeit im Schattenriss durch Lichteinfall auf den stärkeren Äste gegeben, auf grün aufscheinenden Blättern im Licht und dunklen im Schatten.

Von der Malerei in den klassischen Techniken Aquarell, Gouache, Tempera, Öl, bewegt sich die Künstlerin ganz bewusst zu komplizierterem Vorgehen, denn sie sucht, wie sie selbst sagt, Weiterentwicklung, andere Technik, Fortschritt und „Moderne“ – die alten Techniken bedeuten für sie Stagnation, trotz der überraschenden Ergebnisse, die sie damit erzielte. Die Entwicklung führt zur Monotypie, dem manuellen Farbdruck, der immer weiterbearbeitet wird durch Auswischen, Überdrucken, Verdünnen. Obwohl in Zeichnung angelegt, entwickelt sich während der Erarbeitung Ungeplantes, Überraschendes; jedes Blatt stellt zuletzt ein Unikat dar, das nicht mit Pinsel oder Stift gestaltet ist, sondern in langwierigen Druck- und Überarbeitungsprozessen, mühevoll in des Wortes Sinn „erarbeitet“. Dafür braucht USS oft mehrere Stunden am Stück. Was entsteht, ist eine stark abstrahierende Gestaltung, die ihrem spezifischen Blick auf die Strukturen der Natur, die Auswirkungen der Elemente in unzähligen feinen Details nahkommt. Mit beglückter Skepsis erlebt sie diese Tendenz zur Abstraktion. Die Inhalte übermitteln sich auf diese Weise in eher assoziierender Form.

USS malt das, was andere vielleicht aufmerksam registrieren, bewundernd fotografieren, weil es in feinster Weise strukturiert oder vielfältig bewegt ist und was für Maler seit jeher eine hohe Herausforderung darstellt, die unzählige Vorarbeiten und allen Einsatz erfordert und selten zu einem zufriedenstellenden Ergebnis führt. Ich meine das Malen der Elemente: Wasser in seiner vielfältigen Form, leicht bewegt, ölig gluckernd, in leichten Wellen, in Seegang aller Art, selbst Brecher, die schwer auf den Strand schlagen oder an Felsen aufschäumen (zu nennen ist z.B. das schöne Scilly-Bild der Einladung). Auch Himmel, (nicht mehr Wolkenstudien in der traditionellen Art, von denen wir aus der Zeit der Romantik so viele in der Kunsthalle haben), sondern Strukturen, Leichtigkeit und Luftigkeit von Luft, in der sich die Drachen kapriziös und schwerelos bewegen. Licht in seinen vielfältigen Brechungen, in Verbindung mit Wasser als Spiegelung, womit sich zugleich eine implizite Symbolik anbietet, die aber das Geheimnis der Künstlerin bleibt. Charakteristik und Bewegung der Elemente Wasser, Luft, aber auch von Feuer und Erde (Deich- und Sand-Bilder) in den Erscheinungen der Natur. Reaktionen mit Licht. Mehrfach spiegeln sich die Gerüste der Stelzenhäuser in St. Peter bei Flut im Wasser (Sommerabend) oder sie tauchen auf Ebbebildern am oberen Rand auf, während die gestrandete Tonne an der Kette die Badelinie auf dem abgelaufenen Strand markiert, ein merkwürdig surreales Objekt im variablen Farbspiel des nassen Sandes (Badegrenze). USS macht es sich nicht leicht, sondern in einer anrührenden Art eher schwer, was ihrem genauen Beobachten und detaillierten Hinsehen geschuldet ist.

In den Parkbildern findet das entsprechende Auswahlverfahren statt: Die Malerin reflektiert das organische Wachstum, z.B. der Rinde eines Mandelbaumstamms oder die Strukturen der Schilfgürtel, z.B. in den Acrylbildern Sommerschilf und Winterschilf von 2007 und den nachfolgenden Monotypien Sommer- und Winterreet, von 2013, in der bereits erwähnten neuen Technik. Hier bilden tausend feine Halme ein dichtes abstraktes Netz im Schnee oder im Sommergrün. Natürlich wieder im Ausschnitt – der kleine Teil steht für das Ganze der Schöpfung, pars pro toto.

Unter „Hamburg“ firmiert die jüngste Gruppe Monotypien vom Vergnügungsressort Dom und von der Hafencity. Hier ist USS in einem neuen Themenkreis angekommen: nächtliche Szenen mit drehenden bunten Karussells, natürlich im Ausschnitt, Blaue Stunde im U-Bahn-Tunnel, Rotlicht über der S-Bahnstation. Urbanes, nächtliches Leben, fast ohne Menschenfiguren. Hafencity-Häuser in Rotbacksteinton mit komplementären Schattenfarben.

Wir können gespannt sein, wohin die künstlerische Reise die Malerin führt. Sicher wird sie noch viel schaffen, es wird mit Bewegung, Farbe, Licht, Formauflösung und Teilansicht zu tun haben, auf jeden Fall wird es neu und überraschend ausfallen.

Vielen Dank für das Zuhören.

Dr. Maike Bruhns

Auszüge aus einer Rede Dr. Uwe Haupenthal anlässlich der Ausstellung „Gezeitenland“ 2011

Ursula Schultz-Spenner begeistert sich für bunte, phantasievoll gestaltete Drachen, die in den blauen Himmel aufsteigen, dort ihre Kreise ziehen und in die Grenzenlosigkeit des Äthers vermitteln. Die an einer Kette befestigte Boje im Wattenmeer hingegen ist von einer eigenartig anmutenden, informellen Spur umgeben. Sie bildet dennoch mit der bereits erwähnten Kette eine zusammenhängende bildnerische Form, deren Zentrum ein auf Pfählen errichtetes Gebäude sowie eine winzig kleine Figur am Horizont bilden. Angestammte Proportionen erscheinen auf diese Weise aufgehoben. Der Betrachter ist nicht länger in der Lage, die tatsächlichen Größenverhältnisse bzw. die reale Weite zwischen den Objekten zu bestimmen. Gleiches gilt im Grunde auch für das Bild „Strandfund“, auf dem eine eigenartige, tierähnliche Form zu sehen ist, obwohl der Blick auf das Geschehen nunmehr aus der Nahperspektive erfolgt und das Bild demzufolge im Formalen einen gänzlich anderen Duktus ausbildet.

Ursula Schultz-Spenner offensichtlich fasziniert, ist der Blick auf ein Geschehen oder eine Konstellation, die der Betrachter sozusagen von außen nicht vorhersehen oder begrifflich besetzen kann. Stets gibt es da etwas Selbstreflexives, das letztendlich entweder durch die Kräfte der Natur oder aber durch andere, nicht unmittelbar einsehbare Bedingungen hervorgerufen wurde. Die durch ablaufendes Wasser entstandenen Bodenriffelungen im Wattenmeer beispielsweise bedingen über die Breite des Bildfeldes hinweg zwar gleichmäßige, in den Details jedoch gänzlich unregelmäßige Strukturen. Diese verlieren sich im Übrigen im blauen Dunst des Horizonts, was letztendlich den Blick auf die vorgefundene Realität in einem nicht eben geringen Maße zu intensivieren vermag .

Ein bizarr wirkender, tierähnlicher Strandfund sowie einzelne, verstreute Spuren setzen Akzente in eigenwillig geformter Umgebung. Deichwege führen in die Tiefe eines Landschaftsraumes, der von der Horizontlinie kaum gehalten, geschweige denn kompositorisch austariert werden kann. Stets aufs Neue ein Ambiente, das dem Betrachter Orientierung abverlangt, da die überkommenen Ordnungsmuster ausgespart werden. Die Erfahrung von Form bestimmt das Interesse der Malerin. Es ist die Begegnung mit der oft kargen norddeutschen Landschaft, die ein abstrahiertes, jedoch nachhaltig wirkendes Seherlebnis bedingt. Wenige bildnerische Momente erzeugen ein strukturales Gefüge, das auf prinzipieller Eigenwertigkeit beharrt und dessen Abbildlichkeit sich erst auf den zweiten Blick erschließt. Dieses gilt es bildnerisch zu verstetigen, wobei sich Ursula Schultz-Spenner einer geschichteten Maltechnik bedient, die Detailbeobachtungen in den übergeordneten Kontext des Bildfeldes stellt. Strukturen bedingen eine partielle Tiefe, die, jenseits des Abbildlichen, die Erfahrung des originären Naturraumes noch einmal prozesshaft und unverstellt vor den Augen des Betrachters entstehen lässt.

Dr. Uwe Haupenthal
Leiter des Museumsverbundes Nordfriesland

Rede Prof. Gero Flurschütz anlässlich der Ausstellungseröffnung Bilderlandschaft Landschaftsbilder 2009

Wer seine künstlerische Arbeit publiziert, sollte auf ein Publikum hoffen, das nicht auf veröffentlichte Einordnungen und Einschätzungen wartet und sich verlässt, um diese Hilfe suchend mangels gültiger Qualitätsmerkmale der zeitgenössischen Kunst anzuwenden und als Schablone auf das Gezeigte zu legen, sondern auf ein Publikum, das eigenem Augen-Eindruck und seinem subjektiven Empfinden folgt und fragt, ob persönlich geprägte Bilder zu sehen sind.

Das Persönliche ist das Originelle; Person heißt Eigenart. Mitläufer und Mitmacher sind ebenso im Künstlerischen wie in anderen Bereichen schwache Charaktere.

Wer ein halbes Jahrhundert lang die „Kunstszene“ teils miterlebt, teils distanziert beobachtet hat, kennt die ständig wechselnden Versuche, das „Zeitgemäße“, das „Moderne“, den „Zeitgeist“ zu definieren und dementsprechend künstlerische Tätigkeit zu bewerten und einzuordnen.

Ich finde diese Ordnungsversuche irrelevant.
Mich interessiert die individuelle Verarbeitung des Erlebten, die persönliche Äußerung und, wie eine Person zu dem von ihr Geschaffenen passt.

Bei Ursula Schultz-Spenner finde ich eine solche Kongruenz, und zwar im Laufe der vergangenen Jahre intensiver Arbeit mit fortschreitender Professionalität, wozu die Entwicklung vorantreibender professioneller Reflexion, Selbstkritik und Skepsis gehört.

Ihr eigen ist klare, vollständig geordnete, der Freude am visuellen Erlebnis entsprechende Formulierung. Sie baut ihre Kompositionen sorgfältig, planmäßig in Schichten auf; Flüchtiges ist ihr fremd. Ihre Malerei beruht auf handwerklich-technischer Solidität bis Perfektion.

In Ursula Schultz-Spenners Arbeit finde ich meine Maxime „Das Sichtbare ist das Phantastische“ bestätigt: In ihrer Umgebung – ob nun hier auf Eiderstedt oder in Hamburg an der Elbe – sucht und findet sie ständig neue Anregungen und unverbrauchte Bildmotive. „Motiv“ ist ja Beweggrund, Antrieb. Das visuell Erlebte setzt sie, ihrem subjektiven Empfinden entsprechend, nach klassischen Prinzipien der Komposition in die Fläche um. Bei Ursula Schultz-Spenner sehen wir insbesondere in ihren im Atelier gemalten Gouache- und Acrylkompositionen – Bildgestaltung.

Je weniger sie primär um des Wiedererkennungseffektes bestimmter Landschaftsausschnitte willen arbeitet, sondern um eine Bildidee zu realisieren, desto mehr findet sie durch ihre Arbeit zu sich selbst und gibt sich zu erkennen. Je konsequenter sie sich auf sich selbst einlässt, desto stärker werden ihre Bilder, bietet sie den Betrachtern ihrer Bilder Neues, Eigenartiges, Bereicherndes.

Gedankliche Klärung ist der subjektive Gewinn der Malerin, die – innerhalb einer Bildkonzeption – die farbigen Elemente Punkt, Strich, Linie und Fläche einsetzt in einem farbigen, dem atmosphärischen Erlebnis entsprechenden Zusammenhang. Rhythmische Bewegtheit bei der Streuung und Gruppierung der malerisch-zeichnerischen Elemente sowie kompositorisches Kalkül halten sich die Waage.

Für das Gesagte nehme ich als Beispiel das große extreme Breitformat „Winterschilf“. Dieses Gouache-Bild – ebenso wie insbesondere die Acryl-Gouache-„Jenischpark“-Version – ist ein Beispiel dafür, dass es sich bei Ursula Schultz-Spenner lohnt, nach dem Gesamteindruck in gehörigem Abstand sich der Bildfläche zu nähern und die zahlreichen vielschichtig gesetzten farbigen Feinstrukturen zu erkennen: z. B. ocker-orangene Punkte oder weiße bis hellgraue gebogene Striche zu vielen Valeurs, abstrahierend dem realen Motiv entsprechend.

Wenn die Malerin innerhalb eines Bildes die Techniken wechselt, dann geschieht dies, um im Wechsel von gröberen Farbpigmenten und zäherem Bindemittel des Acryl mit den feineren farbintensiven Pigmenten der Gouache oder der Faserstifte Spannung zu erreichen zwischen großflächigem Farbklang und winzigen Details: also nicht um eines allgemeinen malerischen Effektes willen, sondern, um der Sache, dem Motiv zu entsprechen sowie ihrer Vorstellung vom guten Bild.

Ein Vergleich ihrer Bilder zu ähnlichen Motiven macht deutlich, dass Ursula Schultz-Spenner Wetter, Klima, Jahreszeit besonders in der offenen Eiderstedter Küstenlandschaft sinnlich erlebt und in adäquaten Bildformaten vermittelt. Sie kennt ihre Motive, kennt das für ihre Bilder passende Licht der Tages- und der Jahreszeiten.

Wie motivierend und bereichernd der suchende Blick, die konzentrierte Beobachtung der näheren Umgebung sein können, zeigen besonders die Bilder, in denen sie im engsten Landschaftsausschnitt Spiegelungen in Prielen und in Wattpfützen, Trampelspuren der Schafe im Deichgras oder vertrockneten und ausgeblichenen Seetang, Spuren des Winters im gleißend hellen Watt, nach genauer Beobachtung zum Bild macht.

In den Bildern „Strandflora“, „Westerhever Deich“, „Neumühlen“ beispielsweise sehen wir Stillleben in der Landschaft. Ungewöhnliche Landschaftsmotive führen bei konzentrierter Beobachtung zu Verfremdungen, zu Bildern, die aufmerksame Betrachter zu Fragen provozieren. Ich sagte schon: „Das Sichtbare ist das Phantastische“. Nebenbei: Um diesen Satz zu prüfen, empfehle ich z. B., die Spur der genauen Beobachtung eines Straußes gekräuselter Petersilie mit Linie und Strich zeichnend zu verfolgen: Man verirrt sich in einem Urwald.

Intelligent und sensibel hat Ursula Schultz-Spenner das animierende Motiv der Drachen über Strand und Watt verarbeitet. Im Diptychon „Wolkenspiele“ hat sie das eine Landschaftsmotiv horizontal in zwei Teile zertrennt und in zwei in sich geschlossenen Kompositionen durch Farbklang und dezente formale Hinweise in den Spiegelungen strikt auf einander bezogen. Unten die Ruhe, parallele horizontale Streifen, asymmetrischer Akzent in den beiden kleinen dunklen Figuren am rechten Bildrand. Oben die Bewegung, locker verteilte starkfarbige, zueinander bewegte, hart begrenzte kleine Sichelformen im Umfeld zarter ziehender Wolkenformen. Eine gut kalkulierte Komposition, unkonventionell die Aussparung des Mittelteils, des Horizontes, ein Mitdenken, Mitsehen der Betrachter herausfordernd.

In der Zusammensicht ihrer Bilder in dieser Ausstellung und im Vergleich zu früheren Ausstellungen ist festzustellen: Ursula Schultz-Spenner ist in Bewegung, verharrt nicht in erprobten und gelungenen Bildformen. Sie hat sich weiterentwickelt von vorsichtigen, konventionellen Bildkonzepten zu solchen, die überraschend, eigenwillig, eigenartig, dabei nicht effekthascherisch willkürlich, sondern auf die Motive, auf die Bildinhalte bezogen sind. Inhalt und Form entsprechen einander.

Ich beschränke mich bei der Beschreibung pars pro toto auf einige besonders kennzeichnende Beispiele, möchte noch darauf hinweisen, dass Ursula Schultz-Spenner vor ihren Kompositionen direkt vor den Motiven aquarellierend und zeichnend skizziert. Die sehenswerten, großzügig die Motive malerisch notierenden Aquarelle lassen sich hier nicht ausstellen, weil sonst die Skizzenbücher auseinander geschnitten werden müssten.

Ich wünsche Ursula Schultz-Spenner, weiterhin in konzentrierter, stiller Arbeit fortzufahren, in Bewegung zu bleiben und uns neugierig zu machen.